ISOLA DI GORGO – ITALIENS ÄUSSERSTER FLÜGEL

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Grado zum Standort der 1. Wasserflugzeugstaffel (Squadriglia Idrovolanti) – der dem Frontverlauf nächstgelegenen Einheit, von der aus die italienischen Seestreitkräfte den österreichisch-ungarischen Wasserflugzeugen aus Triest entgegentreten konnten. Anfangs verfügte die Staffel lediglich über zwei Macchi L.1-Wasserflugzeuge für Aufklärungsmissionen. Im Februar 1916 wurde ihre Schlagkraft durch die Ankunft französischer Piloten und sechs FBA-Wasserflugzeuge sowie durch den Bau eines großen Hangars erheblich verstärkt.

Hangar in Grado

Im Juli 1915 wurde auf der Isola Gorgo eine zweite Wasserflugzeugstation eingerichtet. Als Start- und Landefläche diente der Wasserstreifen zwischen der Insel und dem Damm Belvedere–Grado, der zugleich Schutz vor der Bora bot. Am 15. Dezember 1916 wurde die 2. Wasserflugzeugstaffel des Königlichen Heeres aufgestellt, um die Einsätze an der Karstfront und am unteren Isonzo zu unterstützen. Im Frühjahr 1917, als aus der 1. Staffel der Königlichen Marine die 253. Staffel mit neun Macchi L.3-Wasserflugzeugen hervorging, ließ das Ingenieurkorps der Marine auf der Isola Gorgo einen künstlichen Blindkanal anlegen, der vor Wellengang geschützt war und als Start- und Landekanal diente.

Eine Macchi L.3 beim Start nahe dem Damm Belvedere–Grado

Von November 1916 bis August 1917 stand die Staffel unter dem Kommando von Federico Martinengo. Er koordinierte Bombenangriffe und Aufklärungsflüge gegen österreichisch-ungarische Ziele und schützte gleichzeitig die britischen Monitore vor Triest. Martinengo beendete den Krieg als Fliegerass mit fünf offiziell anerkannten Luftsiegen und wurde mit zwei Silbermedaillen für militärische Tapferkeit sowie dem Kriegskreuz ausgezeichnet. Auf dem Rumpf seines Wasserflugzeugs ließ er einen Drachen als persönliches Erkennungszeichen anbringen – ein Symbol, das heute das Wappen der nach ihm benannten Fregatte der italienischen Marine ziert.

Federico Martinengo in Grado auf dem Bug einer Macchi L.3

Auch Luigi Rizzo war auf der Insel stationiert und befehligte die MAS-Flottille. Berühmt wurde er durch die Versenkung der österreichisch-ungarischen Schlachtschiffe Wien und Szent István sowie durch den sogenannten Buccari-Handstreich. Während seines Aufenthalts auf der Isola Gorgo lernte er Giuseppina Marinaz aus Grado kennen und heiratete sie später.

Von links: Luigi Rizzo, Gabriele D’Annunzio und Costanzo Ciano

Der Journalist und Wasserflugzeugpilot Otello Cavara, der ebenfalls auf der Isola Gorgo stationiert war, schilderte in einem am 1. November 1917 in der Zeitschrift La Lettura veröffentlichten Artikel die häufigen Besuche Gabriele D’Annunzios auf dem Stützpunkt. Darin bezeichnete D’Annunzio die Wasserflugzeugstaffeln der Lagune von Grado als “L’Ala estrema d’Italia”.

D’Annunzio flog als Beobachter gemeinsam mit dem Piloten Luigi Bologna. Am 16. Januar 1916 musste ihre Macchi L.1 wegen eines Motorschadens bei Grado notwassern. Beim Aufprall erlitt D’Annunzio eine schwere Kopfverletzung, die aufgrund einer Netzhautablösung zur Erblindung seines rechten Auges führte. Während seiner Genesung schrieb er den Roman Notturno.

Gabriele D’Annunzio und Luigi Bologna an Bord einer Macchi L.1 vor dem Start

Die Isola Gorgo wurde so zu einem außergewöhnlichen Treffpunkt von Dichtern, Fliegerassen, legendären Kommandanten und Journalisten. Vor allem aber entstand hier eine Freundschaft, die die Geschichte der italienischen Industrie nachhaltig prägen sollte: jene zwischen Giovanni Ravelli, Giorgio Parodi und Carlo Guzzi.

Parodi und Ravelli, erster und zweiter von links

Ihre enge Freundschaft begann auf der Isola Gorgo, wo Ravelli und Parodi als Piloten dienten, während Carlo Guzzi als Motorenmechaniker-Unteroffizier eingesetzt war. Aus Parodi und Guzzi sollten später die Gründer der legendären Marke Moto Guzzi werden. Carlo Guzzi, 1889 in Mailand geboren, hatte vor seiner Einberufung bereits in der Versuchsabteilung für Flugmotoren von Isotta Fraschini gearbeitet und wurde 1917 nach Grado versetzt.

Carlo Guzzi bei der Inspektion eines Isotta Fraschini V4B-Flugmotors für Macchi-Wasserflugzeuge

Gemeinsam mit Giorgio Parodi und Giovanni Ravelli fasste er den Entschluss, nach Kriegsende ein völlig neues Motorrad zu entwickeln – technisch allen damals existierenden Modellen überlegen. Guzzi sollte die Konstruktion übernehmen, Parodi die Finanzierung sichern und Ravelli als Werksfahrer antreten. Doch Ravelli kam im August 1919 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Zu seinem Andenken wählten seine Freunde den Adler mit ausgebreiteten Schwingen als Symbol der neuen Marke.

Carlo Guzzi schreibt 1917 von der Wasserflugzeugstation Venedig an seinen Bruder „Naco”, den Ingenieur Giuseppe Guzzi. (Archiv Roberto Manieri)

Der erste Prototyp, die G.P. von 1919, war mit einem liegenden Einzylindermotor und vier hängenden Ventilen ausgestattet.

Der Prototyp G.P.

Anschließend entschieden sich Giorgio Parodi und Carlo Guzzi für eine einfachere Konstruktion und brachten die Normale in Serie. Ihr 8-PS-Zweiventilmotor ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Am 15. März 1921 wurde die Società Anonima Moto Guzzi offiziell gegründet. Das Kapital stellte Emanuele Vittorio Parodi, der Vater von Giorgio, zur Verfügung. Der Firmensitz blieb in Genua, während die Produktion in Mandello del Lario aufgenommen wurde.

Die Gründungsurkunde der Moto Guzzi vom 15. März 1921

Noch im selben Jahr nahm das neue Motorrad am Raid Nord–Süd mit Mario Cavedini und Aldo Finzi teil. Kurz darauf errang Gino Finzi einen Klassensieg bei der Targa Florio. Diese ersten Erfolge begründeten sowohl den wirtschaftlichen als auch den sportlichen Ruf der jungen Marke.

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